Panta Rhei

Panta Rhei / Hessenstamm-Galerie in Frankfurt

 

Blick in die Ausstellung „Panta Rhei“

Großstädte im Allgemeinen und unsere im Besonderen sind in Bewegung. Frankfurt, kann man sagen, liegt nicht nur am Fluss, sondern sie ist selbst im Fließen begriffen, im ständigen Prozess der Veränderung.
Meike Fischer spürt dem nach, indem sie die vielen Groß-Baustellen in der Innenstadt, aber auch im Ostend, im Europaviertel und in Sachsenhausen fotografiert und dabei auch ihre Entwicklung dokumentiert. Gegenwärtig sind wir ja hier in der Innenstadt reichlich mit großen Baustellen gesegnet, sei es das ehemalige Degussa-Gelände, das Historische Museum oder auch das Gelände hier gleich um die Ecke, wo zwischen Kunstverein, Schirn und Dom die neue Altstadt entstehen soll. Drei großformatige Blicke auf diese Großbaustelle hängen mir hier gegenüber. Nie war so viel Veränderung der Stadt wie heute – oder bilden wir uns das nur ein? Ich glaube, dass Dynamik grundlegend zum Wesen der Großstadt dazugehört und Menschen vor hundert Jahren vermutlich ganz ähnliche Aussagen über den Wandel und die Erweiterung der Stadt getroffen haben, wie wir heute. – Denken Sie an die großen Stadterweiterungsprogramme des 19. Jahrunderts oder im 20. an die Projekte unter Erns May oder die Nordweststadt.

Die Baustelle selbst ist ein denkwürdiges Gebilde, sie bewirkt nicht nur die Veränderung der Stadt, sondern sie ist selbst von Grund auf dynamisch und Veränderungen unterworfen. Die Baustelle lebt. Ihr Leben verläuft in der Regel in drei unterschiedlichen Lebensphasen oder Akten.

Akt 1: der Abschied.
Damit Neues wachsen kann, muss Altes zunächst weichen. Und so handeln die Bilder von Meike Fischer zunächst vom Abriss. Sie zeigen die brachiale Gewalt, mit der der betonbeißende Baggerarm sich in ein Gebäude frisst (hinter mir, wie ein Dinosaurier oder auch mit fast göttlicher Anmutung, ein Wesen, das die gewohnte Ordnung in einen chaotischen Zustand verwandelt, hier sehr atmosphärisch festgehalten, ein durch und durch romantisches, fast malerisches Bild. – Etwas, was in dieser Form nur die Fotografie kann: einen Augenblick einfrieren und auch dem Schrecklichen eine ästhetische Qualität verleihen.

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Die gewohnten Fassaden verschwinden und nach und nach löst sich das Gebäude in einen Schuttberg auf. – Es gehört zum künstlerischen Prinzip von Meike Fischer, dass sie das Atmosphärische wie die räumliche Struktur ihrer Motive enorm verdichtet, wie hier zu sehen.

2. Akt: Die Atempause
Staunend steht man vor einem leergeräumten Grundstück und erhält Einblicke auf die Stadtgestalt, die man vorher so nicht hatte. Ich erinnere mich beispielsweise an den grandiosen Weitblick, den man nach Abriss des Historischen Museums dort an der Alten Nikolaikirche plötzlich hatte und ich erinnere mich an das Bild der gefluteten Baustelle. Ein See in der Stadt, der von mir aus hätte bleiben können. Bei einigen Baustellen dauert diese Zwischenphase so lange, dass sich die Vegetation das Gelände zurück erobert, wie auf dem Grundstück der ehemaligen Feuerwache im Ostend. Meike Fischer hat dieses temporäre Biotop festgehalten.
3. Akt: Der Neubau. Der dritte Akt beginnt vielleicht verhalten, indem sich eine temporäre Containerstadt am Rande des Geländes aufbaut, ehe dann mit Macht das neue Gebäude aus der Baustelle emporwächst.

Ein wesentliches Element der Baustelle ist der Bauzaun. Er schirmt die Baustelle ab, macht sie zum Gehege, verwehrt uns den Zutritt und oft auch den Einblick in dieses Areal, das plötzlich zur verbotenen Zone wird. Und was ansonsten strengstens untersagt ist, den öffentlichen Raum zu blockieren, hier wird es in der Regel zur Regel. – Vor allem in der Phase des Neubaus rückt der Bauzaun kontinuierlich aus dem eigentlichen Grundstück heraus, weil neben dem Bau das Material gelagert werden muss. Fußgängerwege werden gesperrt und man als solcher meist aufgefordert, die Straßenseite zu wechseln. Noch schwieriger wird es, wenn der öffentliche Raum umgebaut wird, wie unlängst der Friedberger Platz, der Goetheplatz, die Friedberger Landstraße oder jetzt der Güterplatz, von dem wir in der Ausstellung ein Bild sehen. Auch dieses Bild vom Güterplatz erscheint räumlich enorm verdichtet, es besteht quasi nur aus horizontalen Sperren ohne Zwischenräume. Da ändert sich die Wegeführung dann fast täglich, das sonst vorschriftsmäßig Geordnete der Stadt verliert seine Gültigkeit und das Durchkommen wird zum Abenteuer.

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Die Fotografin steht wie wir außerhalb des Geschehens, die Kamera blickt wie wir von außen durch die Absperrungen und der Zoom des Objektivs verdichtet den Raum zusätzlich, riegelt ihn endgültig ab. Ein Durchkommen ist unmöglich.

Meike Fischers Bilder zeigen Orte und Gebäude, die verschwinden und von denen viele heute schon verschwunden sind. Sie halten ein Stück Geschichte fest, machen aus der Fotografin eine Stadtfotografin, eine Chronistin der Stadt. Auf den Fotos verschwinden die Gebäude im Dunkeln, der AfE- Turm beispielsweise oder auch der Henningerturm. Romantisch, fast gespenstisch entwickeln die Motive ihre eigenen Geschichten und wir fangen an, in den Spuren des Abwesenden nach Erinnerungen zu suchen. Ein Bild etwa zeigt die Umrisse eines abgerissenen Hauses auf der Brandmauer des Nachbarhauses. Deutlich zeichnen sich die Umrisse des Daches und der einzelnen Geschosse ab. Wer hat dort wohl gewohnt, welche Geschichten haben sich dort abgespielt? In ein paar Wochen werden auch diese Spuren getilgt sein und ein neues Haus wird neue Geschichten hervorbringen. Angesichts der Bilder von Meike Fischer wird relativ deutlich, dass Erinnerung wohl auch an Orte geknüpft ist.

Panta Rhei lautet der Titel der Ausstellung, eine in ihren Ursprüngen auf Heraklit zurückführende Redewendung, die die Vergänglichkeit des Lebens betont und mit einem Fluss vergleicht:
So sind von Heraklit Gedankenfragmente überliefert wie: „Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu. “

So eine Baustelle ist ambivalent. Sie reißt einerseits eine Lücke und beendet eine Geschichte. Zugleich aber markiert sie den Beginn einer neuen Geschichte. Sie markiert etwas von dem, was Truman Capote einmal die Verheißung der Stadt, den Mythos der Stadt nannte, als er in einem Essay New York mit einem diamantenen Eisberg verglich, der im Flusswasser treibt. Die große Stadt als Ort, sich zu verstecken und, wie Capote das ausdrückt, „sich zu verlieren oder aber sich selbst zu finden, zu träumen und sich zu beweisen, dass man selbst doch kein hässliches Entlein ist, sondern wunderbar und der Liebe wert“ (Truman Capote, Essays und Beobachtungen: New York)

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Die Baustelle verspricht, dass es weitergeht, immer weiter, einer besseren Zukunft entgegen, größer, schöner und höher als bisher. Ganz in diesem Sinne haben Architekten und Investoren das Rendering entworfen, eine Art Werbeplakat, das uns ein möglichst überzeugendes Bild dieser fertigen Vision auf das Bauschild zaubern soll. – Wir sehen auf einem der Bilder oben ein solches Rendering, das die zukünftige Gestalt des neuen Henningertums zeigt. Ein Gebäude, das Wohnungen enthalten wird. Natürlich zeigt das Rendering auch einem Blick auf die bereits fertige Europäische Zentralbank. Das macht sich gut und steigert die Preise der zu verkaufenden Wohnungen. Die Message ist hier klar: wer diese Wohnungen kauft, der hat das Zentrum der Finanzmetropole fest im Blick.

Interessanterweise sind dann aber die gebauten Ergebnisse nie so wie uns die digitalen Visionen der Renderings versprachen. Die Boulevards sind nie so bevölkert, die Glasfassaden nie so transparent wie auf den Entwürfen (ein Umstand, den Sie übrigens sehr gut auch bei dem Neubau der EZB beobachten können, der auf den Entwürfen viel filigraner, viel transpatenter erschien, als er sich jetzt zeigt.
Gleich mit jedem Regengusse
Ändert sich dein holdes Tal
Ach, und in dem selben Flusse
Schwimmst du nicht zum zweitenmal,
dichtete der gute Goethe unter Bezugnahme auf Heraklit. Panta Rhei. Nicht ahnen konnte der Klassiker damals die romantische Sehnsucht der Deutschen des 21. Jahrhunderts nach Beständigkeit und historischen Zentren in ihren, im 2. Weltkrieg (und die 60er und 70er) zerstörten Städten. Wie anders sind sonst solche Phänomene wie der Wiederaufbau des Braunschweiger Schlosses, die Rekonstruktion des Berliner oder Potsdamer Stadtschlosses, der Wiederaufbau des Frankfurter Thurn und Taxis Palais oder die Teilrekonstruktion der Frankfurter Altstadt zu bewerten. Wenn alles fließt, versprechen solche Projekte offensichtlich eine Art kollektive Staumauer zu sein. Jüngstes Beispiel: der Henningerturm, der für viele Frankfurter wohl offensichtlich ein so großes Identifikationsobjekt in der Frankfurter Skyline bildete, dass seine Silhouette nun kurzerhand nachgebaut wird. Das Gebäude wird zum reinen Zeichen, zur Kulisse, die unabhängig von einem potentiellen Inhalt existieren kann. Und dann wird schon einmal aus einem barocken Palais ein Durchgang zu einem Einkaufscenter.

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Die Bilder von Meike Fischer aber zeigen für mich, dass Gebäude und Erinnerung miteinander verbunden und verwoben sind. So bin ich gespannt, wie wir reagieren, wenn wir dereinst durch die neue Altstadt flanieren und feststellen werden, dass den Gebäuden die Geschichte fehlt.

Panta Rhei, alles fließt und wir können nichts zurückdrehen, so sehr wir uns das manchmal auch wünschten.

Text zu Eröffnung der Ausstellung: Christian Kaufmann